#1 Wismars großes Rennen

Ein echtes Lokalderby erlebten in der DDR nur drei Städte: Berlin, Dresden und Leipzig. Eine vierte scheiterte knapp und als erste: Sportpolitische Entscheidungen, Sportlerflucht und günstige Ergebnisse öffneten Wismar im Juni 1950 kurz die Tür zur Derby-Stadt.

Wenn man an die Lokalderbys in der DDR-Oberliga denkt, fallen einem zuerst Leipzig und dann Berlin ein, nach einigem Nachdenken noch Dresden. Und nur diese drei hatten überhaupt je mehr als eine Oberliga-Mannschaft in ihren Mauern. Doch fürs erste echte Lokalderby lieferten sich die Städte ein knappes Rennen und ganz am Anfang kämpfte Dresden nicht mit Leipzig oder Berlin, sondern mit – Wismar. Und mehr noch: Für einen Wimpernschlag der Geschichte hatte Wismar die Chance, diesen Wettlauf für sich zu entscheiden und die erste Stadt mit zwei Oberligamannschaften zu werden.

Dabei hätte die Hafenstadt ehrlicherweise nicht einmal eine verdient gehabt. Bei der Gründung der DS-Oberliga 1949 hatten die Sportpolitiker nämlich wenig Rücksicht auf die unterschiedliche Spielstärke der einzelnen Länder genommen. Sie nahmen die jeweils zwei besten Mannschaften jedes DDR-Landes, dazu den Drittbesten Sachsens und die drei Besten im FDGB-Pokal. Spielstarke Mannschaften aus Sachsen wie Lauter, Chemnitz und Erich Zeigner Leipzig landeten so in der Zweitklassigkeit, dafür spielten die deutlich schwächeren Mecklenburger von Vorwärts Schwerin und Anker Wismar mit. Diese beiden Besten Mecklenburgs hatten in der Ostzonenmeisterschafft  nie Vorrunde überstanden und 1949 bei Ergebnissen von 0:2 bzw. 0:10 nicht einmal ein Tor geschossen. Am Ende der ersten Oberligasaison waren die beiden dann folgerichtig unter den drei Absteigern; Schwerin sehr eindeutig, Anker sehr knapp. Trotzdem: Am 16. April 1950 verabschiedete sich Wismar erst einmal von der Oberliga-Landkarte…

…um gleich darauf als Kandidat wieder aufzutauchen. Am selben Tag begannen die Aufstiegsspiele der fünf Landesklassenmeister, und da war neben einer zweiten Dresdner Mannschaft – Sachsenverlag – auch Vorwärts Wismar im Rennen. Mit Groß-Räschen, Thale und Weimar kämpften sie um den Aufstieg in die Oberliga, drei der fünf würden es schaffen. Sachsenverlag Dresden spielte zuerst in Wismar, das 1:1 war der erste Punkt für beide. Doch während die Dresdner danach Punkt um Punkt sammelten, verlor Vorwärts Wismar Spiel um Spiel. Erst am 4. Juni gewann Vorwärts Wismar mit viel Dusel gegen Groß-Räschen 1:0, der erste Sieg in der Aufstiegsrunde. Mit nunmehr 3:9 Punkten waren die Wismarer Letzter. Trotzdem war mit Glück der Aufstieg noch zu schaffen, denn der dritte Platz lag nur zwei Punkte entfernt.

Am 4. Juni gewinnt Vorwärts Wismar und erhält sich die Chance auf die Oberliga. Fuwo 25/1950.

Vorne war Sachsenverlag Dresden und KWU Weimar der Aufstieg kaum noch zu nehmen und Dresden würde dann die erste Stadt mit zwei Oberligamannschaften sein. Aber plötzlich hatte Dresden keine Oberliga-Mannschaft mehr. Der designierte Oberligist Tabak Dresden gab Anfang Juni seinen Oberligaplatz zurück. Tabak war durch eine politische Entscheidung in die Oberliga gekommen. Die BSG sollte die SG Dresden-Friedrichstadt ersetzen. Friedrichstadt hatte am 16. April 1950 das entscheidende Spiel um die Meisterschaft 1:5 gegen Zwickau verloren. Das Spiel, geprägt von hartem Einsteigen und strittigen Entscheidungen, endete mit skandalösen Ausschreitungen. Die Sportführung unter Manfred Ewald nutzte die Gelegenheit, den als bürgerlich geltenden Verein aufzulösen. Die Spieler wurden zur BSG VVB Tabak Dresden geschickt, gingen aber größtenteils in den Westen, die meisten über Pfingsten (27. Mai 1950). Ohne Mannschaft aber verzichtete die BSG Tabak auf ihren Oberligaplatz. Der Deutsche Sportausschuss entschied nun, die beiden bestplazierten Absteiger um den freigewordenen Platz kämpfen zu lassen. Das waren Altenburg und – Wismar.

In der Woche nach dem Wismarer Sieg in der Aufstiegsrunde gibt Tabak Dresden den Oberligaplatz zurück. Dresden hat nur noch eine Mannschaft, den Aufsteiger Sachsenverlag. Wismar hat plötzlich zwei Eisen im Feuer: Anker bestreitet das Entscheidungsspiel um den Oberligaverbleib. (Neue Zeit 11.06.1950)

Und so konnte man sich nach dem 4. Juni in Wismar plötzlich ins Oberliga-Paradies träumen. Für den Aufstieg musste Vorwärts die restlichen Spiele gewinnen und brauchte Schützenhilfe von den beiden Tabellenführern. Anker musste im Entscheidungsspiel siegen. Und dann wäre Wismar, die Hafenstadt an der Ostseeküste, der Ort aus dem Fußball-Niemandsland Mecklenburg, die erste Stadt der DDR mit zwei Oberliga-Mannschaften. Vor Dresden, das ja nur noch Aufsteiger Sachsenverlag hatte. Und vor Leipzig und Berlin.

Doch schon am 11. Juni war der Traum vorbei und die Tür wieder zu. Vorwärts Wismar unterlag in Weimar 2:4. Das geschah zwar mit achtbarer Leistung, doch mit elf Minuspunkten und 8:20 Toren war der dritte Aufstiegsplatz unerreichbar.

Aus der Traum (1): Mit der Niederlage in Weimar kann Vorwärts Wismar Platz 3 nicht mehr erreichen (Fuwo 24/1950).

Eine Woche darauf verlor auch Anker das Spiel um den freien Oberligaplatz mit 2:3. Statt zweier Mannschaften gab es nun gar keine.

Aus der Traum (2): Anker verliert das Entscheidungsspiel und bleibt ebenfalls zweitklassig (Fuwo 25/1950).

Das Glück schien sich nach Dresden zu wenden. Sachsenverlag schaffte souverän den Aufstieg in die Oberliga und nach dem Rückzug von Tabak arbeitete die Sportführung an einer zweiten Oberliga-Elf für Dresden. Dafür beförderte man die SG Deutsche Volkspolizei Dresden in die höchste Spielklasse und verstärkte sie mit VP-Fußballern aus der ganzen Republik. So war Anfang Juli klar, dass Dresden mit zwei Oberligamannschaften antreten würde.

Anfang Juli war es noch ein Gerücht, wenig später stand es fest: Mit VP Dresden spielt neben Aufsteiger Sachsenverlag eine zweite Dresdner Mannschaft in der Oberliga. (Berliner Zeitung 07.07.1950)

Die erste Stadt mit zwei Oberliga-Vereinen stand da aber schon fest: Es war – Berlin. Am 6. Juni hatte der dortige Landessportausschuss das Ende des gemeinsamen Spielbetriebs zum Saisonende beschlossen, Grund war die Einführung des Vertragsspielerstatus‘ im Westteil.

In der Woche nach dem 4. Juni ging auch in Berlin die Post ab. Der Landessportausschuss beschloss das Ende des gemeinsamen Spielbetrieb in der Berliner Stadtliga. (Berliner Zeitung 07.06.1950)

Der Deutsche Sportausschuss nahm Mitte Juni die Berliner Mannschaften in den Spielbetrieb der DDR auf. In die Oberliga kamen dabei zunächst Lichtenberg 47 und der VfB Pankow, später noch Union Oberschöneweide. Und auch das erste Oberliga-Lokalderby wurde in Berlin gespielt: Union unterlag am 17. September 1950 Lichtenberg 47 mit 1:4.   

Noch vor der Entscheidung für die zweite Dresdner Mannschaft beschloss der Sportausschuss die Aufnahme Berliner Mannschaften in die DS-Oberliga. Damit gab es erstmals ein echtes Lokalderby. (BeZ 17.06.1950).

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